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  • Interview mit Ka Bomhardt – Ein X für ein U

    Ein X für ein U


    Aus einem Gespräch von Ka Bomhardt mit Wolfgang Siano, Berlin 1996



    WS: Als du die Möglichkeit erhalten hast, in Karlsruhe auszustellen, hast du gesagt, du möchtest einen rich­tigen Raum machen.

KB: Ja, ich hatte mir vorgestellt, in den Ausstellungs­räumen ein zusammenhängendes Interieur zu ent­wickeln. Mich hat die ldee fasziniert, nicht eine Arbeit neben die andere zu hängen, sondern sie ineinander­greifen zu lassen. Analog zu meiner Arbeitsweise überhaupt. 

WS: Im Unterschied zu bestimmten Arbeiten der Pop-Art führen deine Rauminszenierungen ja durch die Selbstthematisierung der Realität hindurch und thematisieren die Bildidee selbst als mehrdeutige Realität. 

KB: Ich empfinde das so, als hätte ich einen Apfel­baum gemalt und hätte die Äpfel dann gepflückt. Wenn man sich vorstellt, man würde etwas träumen, ginge dann im Traum los und stieße gegen die Gegenstände, die man erträumt hat, weil sie plötzlich da sind. So, wie man als Kind spielt, und ein Erwach­sener kann nicht nachvollziehen, worin das Kind sich hineindenkt; es spielt „Kaufmannsladen“ und verkauft Dinge, die gar nicht sichtbar sind. 

WS: Sind die Tatsachen denn dasselbe wie die Wahr­heit? 

KB: Ist ein Mord eine Tatsache, ohne daß er bekannt ist? Mich interessiert, daß es einen Täter gibt, der eine Leiche produziert hat, und wenn man das nicht weiß, die Tatsache aber trotzdem existiert. 

WS: Daß es Tatsachen gibt, unabhängig von dem, was du weißt? 

KB: Richtig, daß es das wirklich gibt; egal, ob du das glaubst oder nicht, das hat wirklich stattgefunden. 

WS: Die Tatsache, daß es eine Tatsache gegeben hat, muß also nicht gewußt werden, um Tatsache zu sein.

KB: Wenn du dem Augenschein nach denkst, daß die gezeichnete Lampe eine reale Lampe wäre (siehe Umschlagabb.), dann frage ich mich, wie wichtig ist das? Wenn sich etwas anfühlt, als wäre es real, dann ist es auch real; dann ist es wie im Spielzimmer. Das ist die Möglichkeit des Beschisses am Glauben, aber es funktioniert streckenweise; darin steckt auch ein Enttäuschungsmoment.

WS: Enttäuschung über die Illusion oder über die Tatsache? 

KB: Das kann man gar nicht trennen. Der Moment der Unsicherheit ist der beste Moment. Das ist das Schweben auf der Strecke zwischen mir und dem, was da ist. 

WS: Was ist der Unterschied zwischen dem, was du machst, und dem, was Magritte macht? 

KB: Ich male ja keine Piepe. Mir geht es weder um das trompe l’oeil noch darum, das Begriffliche des Bildes darzustellen oder aufzubrechen. Ich sitze dazwischen und schaue, was passiert da? Wenn ich das Licht der Lampe anmache und den Schatten ma­le, habe ich eine Gleichzeitigkeit, die es so eigentlich nicht gibt, und das passiert auch bei der 
Paneel-Arbeit (siehe Abb. S. 12-14). Ich stehe dem Paneel gegen­über, und in meiner Wahrnehmung entsteht ein Bild, das ich als kleines über das Paneel hänge. In dieser Wiederholung (oder Erinnerung) wird die Gegenüber­stellung (oder Spiegelung) auf eine Fläche projiziert und das Gesehene als Bild thematisiert. Ein weiteres kleines Bild eines imaginären Gegenstandes im Raum davor oder dahinter ist eingereiht und läßt das Bild der Paneele zu einem Raumschnitt werden. 

WS: Ist die Irritation, die dabei entsteht, eine Absicht deiner Arbeit? 

KB: Ja. Je länger du ein Ding ansiehst, desto weniger bist du davon überzeugt, daß es dieses Ding ist. Du projizierst, und in der Projektion werden die Dinge zu Zwitterwesen; sie haben Bezug zu sich selbst und verschieben sich zu etwas anderem. 

WS: Ist das bedrohlich oder macht das Spaß? 

KB: Es ist wie bei Rotkäppchen, das vom Waldweg abkommt, um im Dickicht Blumen zu pflücken. Ich glaube, man muß da rein. Die Irritation ist absolut real, und es stellt sich dann die Frage nach der Orientie­rung: wie stelle ich meinen Kompaß ein, was ist wahr, was ist falsch? 

WS: Ist das ein Spiel oder Ernst? 

KB: Es ist eine Kombination aus Spaß und Schreck­lichkeit. Es ist die Frage nach Einschätzungen und Be­wertungen. Nach Orientierungen und Einordnungen. Im Alltag leben wir in Maßstäben und Systemen, damit wir irgendwie klarkommen. Das ist, als würde jemand im Meer einen Zaun ziehen, damit er über­leben kann. 
Das hat etwas mit den kleinen Sachen zu tun: es ist, als würde ich mich, um die Distanz zu haben, ins Weltall katapultieren, um zurückzugucken. 

WS: Du meinst jetzt den Papptisch mit den Modellen drauf (siehe Abb. S. 19). Die Verkleinerung verschafft dir eine Übersicht? Was auf der einen Seite Irritation ist, ist auf der anderen Seite die Möglichkeit der Über­sicht? 

KB: Der Papptisch stellt in erster Linie eine Distanz her, in zweiter eine Irritation, weil ich auch einen rich­tigen Tisch hätte nehmen können; dadurch, daß er und wie er aus Pappe ist, entsteht eine Distanz dazu. 

WS: Kann man von daher nicht auch sagen, daß das, was Irritation herstellt, im Ergebnis auch Distanz schafft? Irgendwie stellst du mit deinen Sachen den Betrachter doch in einen Raum, in dem weder das eine noch das andere stimmt. 

KB: Ein X für ein U! 

WS: Ja, wo du jemandem ein X für ein U vormachst. 

KB: Die Irritation hat die Distanzbildung nicht unbedingt zum Ziel, aber doch zum Ergebnis. Was mich interessiert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Dinge zusammenkommen können, so daß Situatio­nen entstehen, die nicht inszeniert, sondern dadurch alltäglich sind, daß Dinge neben Arbeiten stehen und diese wiederum neben anderen Arbeiten usw. Ganz ähnlich, wie die ‚Interieur mit Waschbecken ‚-Arbeit in der Kunsthalle Moabit aus einem situativen Zu­sammenhang entstand (siehe Abb. S. 7). 

WS: Du stellst also gewissermaßen Versuchsanord­nungen her für das Bewußtsein des Alltäglichen. 

KB: Ja, das klingt gut. Wenn ich einen Heizkörper zeichne (siehe Abb. S. 10), dann ist das ein Gegen­stand, der überall rumhängt…; aber es geht mir nicht darum, daß jetzt über den Heizkörper nachgedacht werden soll. Wenn ich mir den in einer Ausstellung vorstelle, so als Hintergrund, dann wird er ja eher zum Zitat; ich würde ihn immer im Zusammenhang sehen; er wird zum Teil dessen, was sich mir dort als Bild darbietet. Ich möchte es gar nicht Installation nennen; eigent­lich habe ich die Objekte ja nur aus dem Bild heraus­genommen, sie sind einerseits nichts anderes als das, was in den Bildern stattfindet, andererseits … 

WS: Und was findet in den Bildern statt?

KB: Die Begegnung mit den Grenzen, die durch­brochen werden, so daß es hinter oder neben den Bildern weitergeht. Der Pappspiegel z. B. (Abb. S. 19) tut mit der Summe der anderen das, was jede ande­re Arbeit für sich tut. Und zwar nicht nur das Herein­holen einer Bildwelt in die Realität, sondern gleich­falls das ‚Wegdrücken‘ der Realität in die Bildwelt. 

WS: Du stellst also die Dinge als sich selbst oder sich gegenseitig bespiegelnde dar. Wenn du eine Spiegel(Bild)-Rückseite mit einer Glasscheibe abdeckst (siehe Abb. S. 17), hast du den Spiegel oder das Bild gegen die Wand gehängt, und in der Glasscheibe spiegelt sich der Raum, gegen den das Holz der gemalten Rückseite gerichtet ist. Der Raum vor der Wand thematisiert den Raum im Spiegel oder dem Bild, die der Wahrnehmung abgewandt sind. Du öff­nest den Raum für die Imagination des Betrachters. 

KB: Bei den Zigarren (siehe Abb. S. 11) wird das Bild mittels Spiegelung in den Kasten katapultiert – oder umgekehrt; es fragt sich, was ist zuerst da? Was ist die Ursache, was die Wirkung? Es entsteht eine Ver­wirrung. Ich versuche eine Defunktionalisierung von Gegenständen, wobei der Bruch zwischen Illusion und Wirklichkeit, die Ent-Täuschung mit dargestellt wird. 

WS: Gibt es Chaos bei dir? 

KB: Meine Notizbücher sind voll von Chaos, und die Bilder sind vielleicht die Spitzen, die da rausragen, weil Entscheidungen getroffen werden müssen. 

WS: Die Bilder sehen zunächst sehr klar aus. 

KB: Ja, der Schein der Klarheit kommt da zum Tragen, aber in Wirklichkeit ist der Vorhang (siehe Abb. S. 19) ja nicht zur Seite geschoben – das Chaos dahinter ist verdeckt. 

WS: Dahinter ist noch was los? 

KB: Das hoffe ich doch, das ist doch das, was ein Vorhang thematisiert: das, was man dahinter nicht sehen kann. Das Schönste ist, neben die Mitte zu zielen.